Arbeitsstelle Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste

Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 - 2010

BEGLEIT-INFORMATION ZUM PLANSPIEL "CANAAN - EINE FLÜCHTLINGSFAMILIE UNTEREGS"

l. Ziele des Spiels:

* Das Planspiel motiviert TeilnehmerInnen, den Weg einer Randsiedler-Familie vom Zeitpunkt der Flucht (Start) bis zum Einzug ins eigene "Traumhaus" (Ziel) nachzugehen. (Daß viele schwarze Südafrikaner auch mit einer kleineren und simpleren Bleibe zufrieden wären, soll nicht bestritten werden. Hier soll lediglich der Kontrast verdeutlicht werden, welcher selbst nach den Wahlen 1994 immer noch zwischen "weißer" und "schwarzer" Wirklichkeit besteht.)

* Durch den Nachvollzog des Weges und die Überwindung von Hindernissen und Schranken solidarisieren sich die Mitspieler mit dem Schicksal der Squatter-Familie. Sie erleben damit in diesem Rollenspiel simulierte südafrikanische Situation kontextuell aus der Perspektive der Unterdrückten.

* Gleichzeitig lernen die Mitspieler, daß unterschiedliche Probleme des Squatter-Daseins unterschiedliche Lösungen notwendig machen: einige Hindernisse (Entscheidung, im Squatter Camp einzuziehen und Bau einer Hütte) können alleine (oder mit Hilfe von Freunden oder Familienmitgliedern), andere kann man nur mit Hilfe Anderer gleichsam "von außen" überwinden. Man ist also auf Solidarität, Zusammenarbeit und letztlich Integration in die Nachbarschaft und das soziale Beziehungsgeflecht der umgebenden Gesellschaft angewiesen.

* Das letzte Hindernis ist unüberwindbar! Kurz vor dem Ziel merkt der/die SpielerIn: "Es geht nicht weiter; ja, es KANN gar nicht weitergehen!" Die mit dieser Erkenntnis freigesetzte Frustration hilft, sich in die Psyche vieler Schwarzer im realen Erleben des südafrikanischen Kontexts hineinzuversetzen. Sie verstehen plötzlich, warum Menschen, die so ständig "gegen die Wand laufen", auf sich selbst zurückgeworfen werden und gewalttätig werden können. Sie verstehen gleichzeitig auch, warum es nicht ungefährlich sein kann, gemeinsam und in Solidarität mit den Squatters einen Weg zu gehen: die Unterstützer und Partner von außen können in ihr "Traumhaus" zurück, während dies den Squatters verwehrt bleibt! Vieles an Frustrationen kann sich daher selbst auf die Unterstützergruppen und Partner von außen entladen.

2. Wichtige Hinweise zum Spielverlauf:

* Zu Beginn wird das Ziel des Spiels erklärt (Flucht aus früherer Township, Durchgangsstation Squatter Camp, Hoffnung auf ein eigenes Haus). Dann werden Freiwillige gesucht, die mitmachen wollen. Wichtig ist es dabei, die Flüchtlingsfamilie (4 Personen) zuerst auszusuchen, anschließend jeweils zwei Personen an den vier seitlich angebrachten Griffen (insgesamt 8 Personen) zu positionieren. Anhand der Rollenkarten werden die SpielerInnen über ihre Rollen informiert. Ein weiterer Teilnehmer spielt einen Geldverleiher im Camp (Er bekommt DM 100,00 Spielgeld). Ein weitere Spieler gehört zur Campleitung, die Geld für das Recht verlangt, im Camp zu bauen. Alle übrigen Teilnehmer stehen im Kreis um die Spieler herum. (Hier empfiehlt es sich, zwecks besseren Überblicks auf Stühlen zu stehen.)

*Am Start bekommt die Flüchtlingsfamilie DM 50,00 Spielgeld vom Spielleiter, mit denen sie sich auf den Weg machen.

* Bitte die Aufschriften beachten, die an den Schranken und Löchern angebracht sind. Es ist wichtig, die Abfolge der verschiedenen Stadien im Leben des Squatters zu verstehen und nachzuvollziehen.

*Beim Eintritt in das Squatter Camp bracht die Familie noch nichts bezahlen, allerdings die Baugenehmigung und die Materialien für die Hütte kosten DM 100,00 Spielgeld. Hier ist der Geldverleiher ins Spiel zu bringen.

* Bei den nächsten Stationen (Arbeitgeber, Wasseramt, Sozialarbeiter, Politiker) ist darauf zu achten, daß die Rollenkarten genau gelesen werden. Wenn notwendig, werden sie laut vorgelesen oder es wird Wichtiges daraus abgefragt. Die Diskussion sollte so realistisch wie möglich sein.

* Wenn ein Hindernis nicht überwunden wird (weil keine Hilfe von außen da ist) oder die Kugel in ein Loch fällt, muß entweder a) eine neue Flüchtlingsfamilie von vorne ihr Glück versuchen oder - bei Zeitmangel -b) zwei Hindernisse zurück gegangen oder c) DM 200 Strafe bezahlt werden.

* Am letzten Hindernis könnte die Familie sich noch einmal beim schwarzen Politiker verschulden, aber die Summe ist bewußt astronomisch hoch gestellt, denn letztlich scheitert hier der Traum vom eigenen Haus.

* Weil die Schranke nicht zu öffnen ist, sollte sofort deutlich die Frage gestellt werden: "Warum KANN ES GAR NICHT weitergehen?" Verschiedene Lösungen sollten angesprochen werden wie z.B. Mißtrauen zwischen schwarz und weiß, Mauer der Vorurteile und Ängste, Rassenhaß, Ausgrenzung durch eigene Familie oder kulturelle Gruppe etc. Wesentlich aber ist die auch nach Abschaffung der "offiziellen" Apartheid die weiter bestehende "inoffizielle", wirtschaftliche Apartheid: die riesigen sozialen Differenzen zwischen arm und reich.

* Es werden nun die Emotionen abgerufen: "Wie fühlt ihr euch jetzt?" "Was geschieht mit dieser Wut im Bauch? Wohin geht sie?" "Wer bekommt sie auf dem Rückweg zur Hütte als erstes zu spüren?" "Und was denken dann die Weißen im Traumhaus über euch?" "Was müßten die erleben, um Euren Frust nachzufühlen?"

* Anschließend ist zu fragen: "Wo sind wir in diesem Spiel? - Beim Traumhaus oder in der Siedlung?" "Gibt es auch bei uns solche Unterschiede? Wo werden sie sichtbar?" Hier kann auf verschiedene Problemfelder hingewiesen werden: soziale Brennpunkte, Arbeitslosigkeit, Asylbewerber-und Flüchtlingsproblematik.

* Schlußfrage: "Wo ist die Kirche in diesem Spiel? Wo sollte sie sein? Beim Traumhaus oder bei den Squatters?" Hier wird es nötig sein, zu zeigen, daß trotz deutlicher Option für die Armen die Kirche real eigentlich auf beiden Seiten existiert. Für ein überzeugend gelebtes Christsein allerdings wird es auf beiden Seiten darauf ankommen, wie man die Mauer überwinden kann. An dieser Stelle wird entweder a) anhand des letzten Teils der Ausstellung ("Der Weg der Squatters mit den Kirchen") weitergearbeitet oder das Video "Canaan - Alltag in einem Squatter Camp" gezeigt.

3. Weitere Materialien:

Zur gründlichen Nacharbeit sei auf folgende Materialien hingewiesen:

- Begleitheft zur Ausstellung "Canaan ist überall ", ELM Hermannsburg 1994

- Diaserie "Canaan ist überall" (36 Dias mit Begleitheft), ELM Hermannsburg 1994

- ELM Südafrika Grundinformation zu Land, Leuten, Geschichte, Partnerkirchen, ELM Hermannsburg

- Südafrika, Bruckmann Länderportrait, München 1996; Studienkreis für Tourismus und Entwicklung

- Südafrika verstehen, Sympathie Magazin Nr.31, Ammerland 1995


4. Rollenspielkarten:

Mrs. Margret Sithole, 45 Jahre alt, alleinerziehende Mutter von 4 Kindern (23, 18, 16 und 5) z.Zt. arbeitslos. Mrs.Sitholes Mann ist in politischen Wirren verschwunden (tot? Im Exil?), sie muß die Familie allein ernähren. Ihr ältester Sohn ist ebenfalls nicht mehr bei ihr. Sie wohnte lange Zeit in der Nähe von Verwandten in einer schwarzen Vorstadt 200 Kilometer nördlich von Durban, dann aber wurde ihr Haus eines Nachts in politischen Unruhen zwischen zwei rivalisierenden schwarzen Parteien in Brand gesteckt. Mit dem nackten Leben und wenigen Habseligkeiten kam sie davon und kam nach Durban. Dort erzählte ihr jemand vom Lager "Canaan"

Beauty Sithole, 18 Jahre alt, Schule bis Klasse 7, dann Schulabbruch aufgrund politischer Unruhen, z.Zt. arbeitslos, hat öfter bei weißen Familien auf Kinder aufgepaßt, würde gerne Kindergärtnerin werden.

Sipho Sithole, 16 Jahre alt, arbeitslos, Grundschule bis zur 4.Klasse, dann durch politische Unruhen Schulabbruch. Kurze Zeit als Gärtner gejobbt, dann Handlanger in einer Baukolonne. Stark, stämmig gebaut.

Princess Sithole, 5 Jahre alt, Liebling der Mutter, allerdings durch die schlechte Versorgung (Flucht, Squatter Camp) oft krank. Braucht dringend Aufsicht (Kindergarten/Kinderhort), weil Mutter auf Arbeitsuche gehen muß.

Melvin Majola, 24 Jahre alt, Gang-Chef in Canaan, übt große Macht aus, kontrolliert Verkauf von "Grundstücken" in Canaan. Kosten pro Grundstück 6 x 6 Meter DM 100,00 (inkl. Erlaubnis, auf dem nahegelegenen Müllplatz Holz u.a. Baumaterial zu besorgen.

Sunny Peters, 33 Jahre, wohnt seit 3 Jahren in Canaan, Beruf: Geldverleiher. Hat ein Auge auf Beauty Sithole geworfen, fordert allerdings trotzdem einen Wucherzins von 20 % pro Monat!

Bernhard Swart, Personalchef beim Baumarkt "Cash and Carry" Südafrika, 48 Jahre alt, mag keine Schwarzen, braucht aber Arbeitskräfte, um Handlangerdienste zu niedrigen Preisen zu tun (Paletten stapeln, Hallen saubermachen, Kurierdienste etc). Hat heute schon 10 Job-Sucher interviewt, ist genervt. Bedingung für Anstellung: DM 20,00 pro Tag 10 für Stunden Arbeit.

Lenard Matthew, 25 Jahre alt, Angestellter des Wasseramts Durban, zuständig für Installationen von Wasserleitungen im Raum Durban-Nord. Seine Meinung zu Squatter-Camps: Sie sind illegal - deshalb gibt es auch keine Wasserleitungen dorthin. Eine Schwäche hat Mr.Matthew allerdings: er mag kein Aufsehen, keinen öffentlichern Skandal, denn dann sitzt ihm sein noch giftiger Chef im Nacken!