Canaan ist überall - Migration, Armut und Entwurzelung in Südafrika
An jedem Tag des Jahres 1992 wurden 10.000 Menschen zu Flüchtlingen. Weltweit stieg die Zahl der Flüchtlinge auf 18,2 Millionen - dies sind achtmal so viel wie vor 20 Jahren. Weitere 24 Millionen sind Vertriebene im eigenen Land. Dies bedeutet, daß fast jeder 130. Mensch zur Flucht gezwungen wurde ("The State of the World's Refugees", UNHCR-Report 1993). Heute, im Jahre 2002 sehen wir keinen Grund für Entwarnung - die Zahlentendenz ist eher steigend.
In Südafrika ist die Migration eines der dringlichsten Probleme der Gesellschaft. Armut in den ländlichen Gebieten und wirtschaftliche Abhängigkeit der früheren "Homelands", politische Repressalien und überfüllte Townships - dies sind einige der wesentlichen Gründe für das Enstehen der vielen wilden Siedlungen, die in der Peripherie vieler größerer südafrikanischer Städte überall wie Pilze aus dem Boden schießen. Nach Erkenntnissen der Urban Foundation müßten innerhalb der nächsten 20 Jahre 127.000 Wohneinheiten pro Jahr neu geschaffen werden, um den Bedarf an schwarzen Wohnungen außerhalb der früheren Homelands zu decken. In anderen Worten: man müßte 10 Jahre lang täglich 15 Wohnungen pro Stunde bauen, um der Not Herr zu werden. Nimmt man den Wohnungsbedarf in den früheren Homelands mit in die Rechnung auf, so erhöht sich der Gesamtbedarf um eine weitere Million Häuser.
Zu Beginn der 80iger Jahre existierte ein festes Haus aus Stein und Zement für 3-4 weiße Südafrikaner, aber die Ratio für Schwarze betrug 1:43 Einwohner. Anders ausgedrückt: den 1.286 000 Häusern für Weiße standen ganze 486 000 feste Häuser für Schwarze gegenüber, obwohl zu dieser Zeit wenigstens 5mal so viele Schwarz-Südafrikaner wie Weiß-Südafrikaner im Lande lebten.
Bis in die Mitte der 80iger Jahre versuchten viele Schwarze, in den großen Townships in der Nähe der Industriezentren Platz zu finden. Sie zogen als Untermieter bei Verwandten ein, bauten in Hinterhöfen Hütten oder zogen in die Wohnbaracken für Arbeiter, die sogenannten berüchtigten Männerwohnheimen (hostels). Nach inoffiziellen Statistiken leben bis heute in nur wenigen schwarz-afrikanischen "Matchbox-Häusern" (2 Räume a 6 Quadratmeter) weniger als 13 Menschen; manche sind bis zu 40 Menschen bewohnt.
Zunächst versuchte die Apartheidregierung durch gewaltsame Räumung von wilden Siedlungen die Migration in die näheren Stadtbereiche zu verhindern. Immer wieder las man von "forced removals", Zwangsumsiedlungen. Im Zeitraum bis 1984 sollen 3,5 Millionen auf diese Weise entweder aus ihren angestammten Gebieten in Homelands umgesiedelt bzw. aus "Squatter-Camps" (Landlosenlager, wilde Siedlungen) hinausgetrieben worden sein.
Als aber im Jahre 1989 die berüchtigeten Land und Wohnraums-Gesetze zurückgezogen wurden ("Land Acts", "Group Area Act"), nahm die Migration in die Städte rasant zu. Im Großraum Durban z.B.wuchs die Zahl der Squatters von 5000 im Jahr 1965 auf 1.8 Millionen im Jahr 1993. Nach letzten Informationen soll es derzeit 9 Millionen squatters in Südafrika geben (Time, April 1994).
Dies ist neben der verzweifelten Wohnsituation und der wachsenden Verarmung der ländlichen Bevölkerung besonders in den Homelands auf ein weiteres Phänomen der Apartheid zurückzuführen: der politischen Polarisierung schwarzer Parteien, von der NP-Regierung programmatisch vorangetrieben. Die Ergebnisse verschiedener Recherchen von Zeitungen ("Inkatha-Gate", Weekly Mail) und unabhängiger Untersuchungskommissionen (Goldstone Commission) haben deutliche Verbindungslinien besonders zwischen der IFP und der NP aufgezeigt. Dabei wurde die Destabilisierung der CODESA-Gespäche durch die sogenannte "third force" aus geschulten IFP-Kadern mit brutaler Waffengewalt betrieben. Auf ihr Konto sind auch Massenmorde in Passagierzügen und an Bushaltestellen zurückzuführen. Der Blutzoll ist unglaublich hoch: seit 1990 wurden 10.500 Menschen in Südafrika Opfer politischer Gewalt.
In den Jahren von 1984-1993 war ich im Auftrag des Ev.-Luth. Missionswerks in Niedersachsen Pastor einer kleinen indisch- schwarzen lutherischen Gemeinde in der Großstadt Durban im Zentrum der Provinz Natal. In der letzten zweieinhalb Jahren meines Dienstes habe ich verstärkt in einem "Squatter Camp" am Rande der Stadtautobahn gearbeitet.
"Canaan" hieß diese Siedlung - ein Name, der dieser armseligen Hüttenansammlung von ihrem ersten Chairman gegeben wurde, als biblischem Zuspruch, weil ihnen ja "Land versprochen" worden sei. Ein Land von Milch und Honig ist dieses Canaan allerdings nicht. (Wassermangel, keine Toiletten, keine Geschäfte, keine Infrastruktur, keine Sicherheit). Trotzdem wuchs die Siedlung von einigen Hundert im Jahre 1989 auf ezwa 8000 im Jahr 1992 an.
Die Situation war alarmierend: Mehr als 50% Arbeitslose, davon mehr als 50% unter 24 Jahren. Kinder und Jugendliche gerieten schnell in die Hände von Township - "tsotsis" (Gangstern) und einer gewissenlosen Drogen-Mafia. Die Krankheits- und Sterberate war unvergleichlich hoch; es gab in der ersten 2 Jahren weder Wasserleitungen noch Abflussrohre; die nächste Klink war Kilometer entfernt und Zulu-sprachige Schulen ebenfalls. Trotz dieser offensichtlichen Not war keine der etablierten Kirchen in den ersten Jahren in Canaan solidarisch aktiv geworden; obwohl mehr als 74% der Bewohner sich als Christen bezeichneten und eine christliche Taufe erfahren hatten, gab es keine oder nur sporadische Hilfe von den sogenannten Großkirchen. Die einzigen, die in den verschiedenen Squatter Camps aktiv wurden, waren die unabhängigen afrikanischen Kirchen, deren Propheten und Leiter selbst in den Squatter Camps wohnen. Selbst die schwarzen lutherischen Pastoren in den Townships waren nicht gewillt, eine Arbeit in den Squatter Camps zu beginnen, da dies ihnen entweder zu gefährlich erschien oder sie selbst gegenüber den squatters die Vorurteile der weißen Bevölkerung übernommen hatten.
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Der Beginn unseres kirchlichen Engagement in dieser "Community" geschah nicht aufgrund besonderer moralischer Appelle oder als Ausdruck kirchenamtlicher Direktive, sondern aufgrund bewußter kreativer Arbeit von schwarzen Christen innerhalb des Lagers. Eine ganz wichtige Resource Person der Anfangszeit war Frau Sizakhele Mkize, Studentin für Community Development an der Universität von Natal. Durch ihre Initiative wurden wir in eine Art Selbsthilfe-Initiative hineingehlt, die sich verschiedener Projekte widmete. Vielleicht sind diese Projekte in ihren (an westliche Erfolgsmuster gewohnte) Augen klein und unansehnlich, doch für die Verhältnisse in Squatter Camps, wie sie in Südafrika vorherrschen, sind sie sehr beachtlich.
Einige Beispeile dieser Kooperation sind folgende Kleinprojekte:
- Politische Zusammenarbeit mit NGOs für Wasserleitungen und alternatives Land
- Aufbau einer Jugendinitiative (Fußballspiel, Talentshow, Jugend-Gottesdienste, Schul-Nachhilfeunterricht - selbstbewußtseinsstärkende und Eigeninitiative weckende Maßnahmen)
Kindergarten und Creche-Arbeit; beides heute im Camp gebaut
- Gottesdienst im Camp (Inpflichtnahme der örtlichen Pastoren; gemeinsamer Gottesdienstplan; lokal relevante Gottesdienste - Bischof Zulu; Weihnachts-GD mit Bürgermeisterin M.Winter und Erzbischof D.Hurley)
- Zusammenarbeit mit Social Work Department der Universität von Durban-Westville: Studentinnen für Sozialpädagogik und Sozialarbeit starten self-help Projekte als Praktiums-Stellen;
- Einschulung von 60 Kindern in Schulen um Canaan; Druck auf Schulleiter der örtlichen Schulen und deren Verwaltungen
- Bewußtseinsbildung in der kirchlichen Struktur vor Ort und im Großraum Durban; Anregung auf einer Konferenz von Landbesetztern nach der Bildung eines kirchlichen Netzwerks für Landlose und Squatters;
- Bildung dieses Netzwerkes auf Anregung von Diakonia (jetzt Diakonia Council of Churches) unter Schirmherrschaft des damaligen Anglikanischen Bischofs Ross Cutbertson;
- Schulung von Studenten und Sozialarbeitern zur Arbeit in Informellen Settlements
Die Arbeit ging nach meinem Weggang weiter - oft gefährdet, oft stagnierend, aber dann doch wieder von ehrenamtlichen MitarbeiterInnen neu aufgenommen und bewußt gemacht . sie wurde durch das Support Network der "Social Action Group" der St John's Lutheran Church in Reservoir Hills eine Zeit weitergeführt, dann aber von der Durban North Baptist Church übernommen.
Im Jahr 1992 wurde den Bewohnern von Canaan von der neuen Stadtverwaltung ein neues Angebot unterbreitet: in die etwa 15 Kilometer entfernte neu erbaute Siedlung Quarry Heights bei Avoka Hill/Newlands East umzuziehen, wo sie sowohl eigene Parzellen Land als auch eine bessere Infrastruktur zur Verfügung bestellt bekommen sollten.
Die meisten Bewohner Canaans nahmen dieses Angebot an. Einige aber zogen es vor, nach wie vor auf dem Restsück Canaans, das einem privaten indischen Geschäftsmann gehörte, wohnen zu bleiben. Bis heute haben sie weder Wasser, Strom noch hygienische Versorgung. Die Mehrheit aber zog um und hat im neuen Wohngebiet weitaus größere Möglichkeiten und politische Rechte.
So sieht die Situation heute, im Jah 2002 aus: Der alte Kindergarten von Canaan hat in der Quarry Heights Baptist Church eine neue Bleibe gefunden. Pfarrer Richard hat seine Kirche für die Creche geöffnet. Ein Team von Kindergärtnerinnen unter der Leitung von Rebecca sorgt für den geregelten Tagesablauf und den Unterricht der Kinder. Die Durban North Baptist Church sorgt mit Dee Horsfall für die notwendige finanzielle Unterstützung. Ein zweiter Kindergarten ist aus der ersten Canaan Creche hervorgegangen und wird von der Kindergärtnerin Deena geleitet. Eine große Hilfe ist auch die kontinuierliche Begleitung der Arbeit durch den Chairman von Quarry Heights, Mr. Sokhela.
Bei einem Besuch der Siedlung während des "Peace Trains II" konnten sich die Schüler der J F Kennedy-Realschule Braunschweig mit ihren Gastgebern, Schülern aus der Hillview Secondary School, Newlands East, ein eigenes Bild von der Sitiation in Quary Heights machen. Daraus hervorgegangen ist der Wunsch seitens der Durbaner Schüler, im Kindergarten ein Praktikum zu machen, und dem Interesse der Braunschweiger Schüler, sich mit finanzieller Hilfe an der Unterstützung eines Projektes für arbeitslose Frauen zu beteiligen.
Und noch ein wichtiges "Bei-Produkt" der Arbeit: Durch die persönliche Freundschaft mit der Kirchengemeinde, in der ich selbst aufgewachsen bin, der Martin Luther Kirche in Detmold, besteht seit 1984 eine gute Verbindung mit Pastoren und Kirchenvorstand; 1989 kam es schließlich zu dem offiziellen Beschluß einer Partnerschaft; bereits zweimal haben sich Gemeindeglieder und Partnerschaftsbeauftragte aus Detmold und Durban gegenseitig besucht. Die Arbeit hat dazu beigetragen, die Detmolder Gemeinde bzw. ihren Pfarrer Harald Klöpper zu ermutigen, sich auch der Menschen anzunehmen, die als Aussiedler aus Rußland neue Heimat in der Detmolder Region suchen. So ist eine Aufbauarbeit mit Rußlanddeutschen in Hackedahl bei Detmold entstanden, die den Grundsatz missionarisch-diakonischer Nächstenliebe ernst nimmt und das Evangelium der befreienden Liebe Christi in die Tat umsetzt - in Südafrika und bei uns.
Hinweis auf Publikationen bzw. Arbeitsmaterial:
- "Arbeiter haben ein Recht auf Wohnung" -Übersetzung eines Dokuments von DIAKONIA zur Wohnungssituation in Durban/Natal
- "Canaan ist überall" - Ein Begleitheft zur Ausstellung inkl. ausführliche Darstellung der Arbeit
- Beschreibung eines Planspiel zur Ausstellung
- "Canaan - Squatters in Südafrika", Diaserie mit 36 Dias inkl. Begleitheft, ELM Hermannsburg
- Prof.K.Nürnberger, The Sourge of Unemployment in South Africa, Encounter Publications, PMB, 1990
- ders., Ethik des Nord-Süd-Konflikts, Mohn, Gütersloh, 1987
- E.M.Ardington, Buckpassing in Canaan, an example of authorities' failure to address the needs of informal urban dwellers, Centre for Social and Development Studies, University of Natal, 92




