Ratschläge zum Verhalten in Gewaltsituationen
Vorbemerkungen:
Es gibt keinen 100% Schutz vor Überfällen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. Jeder Mensch kann Opfer oder Beteiligter einer Gewalttat werden. Doch die Wahrscheinlichkeit - trotz des von den Medien vermittelten Eindrucks - eher geringer anzusetzen als es das subjektiv wahrgenommene Gefühl der Bedrohung suggeriert.
Das statistische Datenmaterial zeigt:
- Die meisten Taten werden nicht von Gruppen, sondern von Einzeltätern, die meisten Tötungsdelikte von Erwachsenen, nicht von Jugendlichen begangen,
- Die Opfer von Gewalttaten sind häufiger Männer als Frauen. (Hier ist allerdings die Dunkelziffer nicht gemeldeter und tabuisierter Gewalttaten nicht eingeschlossen!)
- Das Erlernen asiatischer Kampfsportarten ist nur dann erfolgversprechend, wenn eine vernünftige Ausbildung durch LehrerInnen geschieht, die gleichzeitig die lebensbejahenden und -fördernden Grundsätze dieser Sportarten mitvermittelt (z.B. Einheit von Körper, Seele, Geist, Entspannungsübungen und Körpergefühl, Einsatz zur Gewaltvermeidung, Nicht-Aggression).
- Das Tragen und die Anwendung von Waffen führt in fast allen Fällen zu einer Eskalation der Gewaltspirale! Dies gilt auch für Kampfmittel, die juristisch nicht als Waffen gelten (z.B. Butterfly-Messer, bestimmte Reizgase etc). Oft kommt es vor, daß die eigene Waffe gegen den/die WaffenträgerIn eingesetzt wird.
- Jeder/jede sollte das tun, was er/sie sich in einer Krisen- bzw. Gewaltsituation zutraut. Meine eigene Persönlichkeitsstruktur entscheidet mit darüber, welches Verhalten ich in einer bestimmten Situation an den Tag legen kann. Dies kann ich jedoch nur herausfinden, indem ich mich in spielerisch mit erlebten oder von anderen vorgegebenen ausgewählten Gewalt- bzw. Konfliktsituationen auseinandersetze (Rollenspiele, Forumtheather etc).
Klaus J. Burckhardt
Wer COURAGE hat, soll es zeigen!
Was ich, du und wir im Alltag gegen Gewalt und Rassismus tun können
Gewalt und rassistische Übergriffe finden tagtäglich in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Strasse, in der Bahn, in der Kneipe usw. statt. Viele Menschen reagieren verunsichert und schauen oder hören einfach weg, Sie mwerken kaum, dass sie damit selbst ein Klima der Gewalt fördern und verstärken.
Im Umgang mit Gewalt und Rassismus liegen heute viele Erfahrungen vor, die zeigen können, wie Gewalttäterinnen und Rassist/innen in die Schranken verwiesen werden können. Sie zeigen auch, was du und ich tun können, damit Gewalt und Rassismus erst gar nicht entsteht.
Weil Gewalttäter/innen und Rassist/innen es Oberhaupt nicht mögen, wenn sie und ihre Taten und Sprüche in die Öffentlichkeit gebracht werden, macht es Sinn, sie öffentlich zur Rede zu stellen und zur Rechenschaft zu ziehen. Oft versuchen sie uns lachend, mit ihren blöden Sprüchen und erniedrigenden Witzen, auf ihre Seite zu ziehen; meistens vertrauen sie darauf, dass ihnen keiner widerspricht oder wir ihnen keinen Widerstand entgegensetzen.
Einige grundsätzliche Gedanken:
Verwende keine Abwehrwaffen oder –geräte. Alle bisherigen Erfahrungen deuten darauf hin, dass die damit von dir ausgehenden Signale die Wut und die Gewalt der AngreiferInnen verstärken oder sogar scheinbar legitimieren. Außerdem wirst du nie sicher sein können, dass sich deine Waffe nicht plötzlich gegen dich selber richtet. Als Alternative gibt es Signalgeräte wie z.B. Trillerpfeifen oder kleine Alarmgeräte: Damit kannst du Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit herstellen und Täter/innen für eine erste Schrecksekunde stoppen. Auch einfache (billige) Photoapparate (mit Blitzlicht) haben aus sicherer Entfernung eine erhebliche Störwirkung.
GewalttäterInnen schrecken oft von ihrem Vorhaben zurück, wenn sie Angst haben müssen, wiedererkannt zu werden.
Es gibt keine richtigen Rezepte, Tips oder Verhaltensregeln. Jede Situation ist zuerst einmal abhängig von dir selber und deinen Fähigkeiten. Von daher empfehlen wir dir die Teilnahme an einem Gewalt– oder Rassismus- Deeskalationstraining. Dort lernst du deine Möglichkeiten und Fähigkeiten (dir selber oder anderen zu helfen) zu entwickeln, sie selbstsicher und wirkungsvoller einzusetzen.
Was du tun kannst:
In der Öffentlichkeit:
Mach den Mund auf, wenn du Zeuge von rassistischen Beschimpfungen und erniedrigenden Witzen wirst. Widerspreche laut und deutlich. Laß nicht zu, dass im Gespräch überAusländer/innen oder Flüchtlinge eine verhetzende Sprache gebraucht wird.
Weise darauf hin, dass niemand ohne Not seine Heimat verlässt und die Fluchtursachen sehr vielfältig sind.
Lasst Leute aus Zuwandererfamilien und Flüchtlinge zu Wort kommen und schafft Gelegenheiten, in denen Deutsche und diese sich begegnen und verständigen können.
Wende dich mit Leserbriefen gegen rassistische Aktionen und diskriminierende Berichterstattungen in der Zeitung. Setz dich in solchen Briefen für ein friedliches Zusammenleben der Bevölkerung ein.
Fordere die Abgeordneten deines Wahlkreises auf, sich eindeutig gegen Gewalt und Rassismus zu wenden. Politikerlinnen haben Vorbildfunktion.
Wende dich an die Medien, wenn diese eine Sprache oder Bilder verwenden, die Diskriminierung fördern, erzeugen oder billigen.
Nimm die Ängste und Probleme, die Menschen in deiner Nähe mit "AusländerInnen“ haben, ernst und respektiere sie. Greife die Ängste und Probleme auf und versuche, sie mit Sachargumenten zu entkräften. Jemand, der Angst, Bedenken oder Probleme hat, verhält sich desv/egen zwangsläufig noch nicht rassistisch.
Stelle Strafanzeige oder wende dich an Antidiskriminierungsbüros, wenn du mitbekommst, dass in deiner Umgebung rechtsextremistische Lieder, Computerspiele, Zeitschriften, Propaganda usw. kursieren. Informiere über deine Beobachtungen die verantwortlichen Parteien und Politikerlinnen in deiner Stadt und frage nach, was sie unternehmen werden.
Bei Schlägereien:
Wenn Kinder, Jugendliche oder’ Erwachsene sich schlagen, schlage Alarm, mach Krach, steil Öffentlichkeit (aus sicherer Entfernung) her. Mach andere auf die Schlägerei aufmerksam und schick sie los, um Hilfe oder die Polizei zu holen.
Gewalttäterlinnen haben Angst wiedererkannt und zurrechenschaftgezogenzu werden. Also sprich sie direkt an (wenn Du einen Namen gehört hast) oder benenne deutliche Wiedererkennungsmerkmale: "Du mit der Stirnglatze, wir kennen dich, hör auf… wir haben schon die Polizei angerufen…“
Viele Kinder und Jugendlichen behaupten, zur Rede gestellt, "alles wäre nur ein Spaß“ gewesen. Sie werden schnell nachdenklich, wenn du die vorausgegangene "Gewalt“ beim Namen nennen kannst: "Dann lass mal deinen Arm sehen, den roten Fleck (die blutende Lippe, das blaue Auge, die zerrissene Hose usw.), nennst du das einen Spaß? Ich nenne das Körperverletzung…“ (und schon bist du in der Offensive).
In der Bahn, im Bus:
In der Bahn, im Bus usw. wird jemand angegriffen, erniedrigt, verletzt. Oft sind die Mitfahrenden schockiert oder eingeschüchtert, sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Folgendes kannst du tun:
Du kannst den/die FahrerIn auffordern, die Polizei zu rufen. Er/sie ist verpflichtet, dies zu tun. Sonst kann er/sie wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden.
Wenn du nicht direkt zum/zur Fahrerlin gelangen kannst, kannst du diejenigen, die vorne sitzen, laut anschreien: "Der Fahrer soll die Polizei informieren.“
Du kannst andere Mitfahrende auffordern, mit dir laut zu pfeifen und zu rufen. "Hört auf, hört auf!“ Anfangs machen dabei wenige, dann in der Regel immer mehr mit. Jetzt wird die Situation für GewalttäterInnen riskant, weil sie unüberschaubar und unberechenbar ist. Sie scheuen das Risiko und versuchen wahrscheinlich, sich vom Ort des Geschehens zu entfernen.
Je nach Sachlage und Situation kannst du auch den/die FahrerIn auffordern, die Türen abzusperren, so dass sich die Täterlinnen nicht entfernen können, bis die Polizei ankommt.
Es ist wichtig, möglichst viele Mitfahrende direkt anzusprechen und in die Verantwortung zu nehmen — um so stärker ist die Wirkung gegenüber den AngreiferInnen!
Wenn du selber bedroht oder angegriffen wirst:
Folgende Regeln allerdings können - unter Berücksichtung der oben genannten Vorbemerkungen - durchaus sehr nützlich sein:
1. VORBEREITEN!
Bereite dich auf mögliche Bedrohungssituationen seelisch vor: Spiel Situationen für dich allein und im Gespräch mit anderen durch. Werde dir grundsätzlich klar darüber, zu welchem persönlichen Risiko du bereit bist. Es ist besser, sofort die Polizei zu alarmieren und Hilfe herbeizuholen, als sich nicht für oder gegen das Eingreifen entscheiden zu können und gar nichts zu tun.
2. RUHIG BLEIBEN!
Panik und Hektik vermeiden und möglichst keine hastigen Bewegungen machen, die reflexartige Reaktionen herausfordern könnten. Wenn ich "in mir ruhe", bin ich kreativer in meinen Handlungen und wirke meist auch auf andere Beteiligte beruhigend.
3. AKTIV WERDEN!
Wichtig ist, sich von der Angst nicht zähmen zu lassen. Eine Kleinigkeit zu tun ist besser, als über große Heldentaten nachzudenken. Wenn du Zeuge oder Zeugin von Gewalt bist: Zeige, daß du bereit bist, gemäß deinen Möglichkeiten einzugreifen. Ein einziger Schritt, ein kurzes Ansprechen, jede Aktion verändert die Situation und kann andere dazu anregen, ihrerseits einzugreifen.
4. VERLASSE DIE DIR ZUGEWIESENEN OPFERROLLE!
Wenn du angegriffen wirst: Flehe nicht, und verhalte dich nicht unterwürfig. Sei dir über deine Prioritäten im klaren und zeige deutlich, was du willst. Ergreif die Initiative, um die Situation in deinem Sinne zu prägen: Schreib dein eigenes Drehbuch!
5. HALTE DEN KONTAKT ZUM ANGREIFER!
Stelle Blickkontakt her und versuche, Kommunikation herzustellen bzw. aufrechtzuerhalten.
6. REDEN UND ZUHÖREN!
Teile das Offensichtliche mit, sprich ruhig, laut und deutlich. Hör zu, was dein Gegner bzw. Angreifer sagt. Aus seinen Antworten kannst du deine nächsten Schritte ableiten.
7. NICHT DROHEN ODER BELEIDIGEN!
Mach keine geringschätzigen Äußerungen über den Angreifer. Versuche nicht, ihn einzuschüchtern, ihm zu drohen oder Angst zu machen. Kritisiere sein Verhalten, aber werte ihn persönlich nicht ab. (Also: nicht "Du bist schlecht", sondern "Das ist schlecht")
8. HOL DIR HILFE!
Sprich nicht eine anonyme Masse an, sondern einzelne Personen. Dies gilt sowohl für Opfer als auch für Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie sind bereit zu helfen, wenn jemand anderes den ersten Schritt macht oder sie persönlich angesprochen werden.
9. TU DAS UNERWARTETE!
Fall aus der Rolle, sei kreativ, und nutz den Überraschungseffekt zu deinem Vorteil aus.
10. VERMEIDE MÖGLICHST JEDEN KÖRPERKONTAKT!
Wenn du jemandem zu Hilfe kommst, vermeide es möglichst, den Angreifer anzufassen, es sei denn, Ihr seid in der Überzahl, so daß Ihr jemanden beruhigend festhalten könnt. Körperkontakt ist in der Regel eine Grenzüberschreitung, die zu weiterer Aggression führt. Wenn nötig, nimm lieber direkten Kontakt zum Opfer auf.
(nach: Ralf-Erik Posselt: Handbuch "Schule Ohne Rassismus", S. 83 f.)
Dazu noch einige Ratschläge der Polizei Hamburg:
"Die Gewalt nimmt zu. Gerade in Großstädten. Wer nicht hilft, wird selbst zum Mittäter. Das Urteil der Polizei ist hart. Dabei wäre Helfen so einfach. Doch nur wenige tun es. Die Polizei hat sechs Regeln für mehr Courage erarbeitet. Die Polizei-Psychologin Claudia Brockmann erläutert sie:
1) Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen: Jeder hat die Möglichkeit zu helfen, ohne in die direkte Konfrontation zum Täter zu gehen. Häufig reicht es, wenn der Täter mitbekommt, daß er beobachtet wird.
2) Ich fordere andere direkt zu Mithilfe auf: Je mehr Personen an einem Tatort versammelt sind, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, daß jemand hilft - ein Phänomen. Viele haben Angst, sich zu blamieren oder einen Fehler zu machen. Ein Tip: Fangen Sie an, aber handeln Sie nicht alleine, sondern fordern Sie ganz gezielt andere Passanten zur Mithilfe auf. Vielleicht so: "Junger Mann mit der roten Jacke! Helfen Sie mir bitte!"
3) Ich beobachte genau und merke mir den Täter: Eine gute Täterbeschreibung hilft der Polizei enorm. Wichtig sind Alter, Aussehen, Kleidung und Fluchtrichtung. Auch kann es sinnvoll sein, dem Täter in sicherer Distanz zu folgen - schon viele Täter haben dadurch entnervt ihre Flucht aufgegeben.
4) Ich rufe Hilfe: Es ist so lächerlich wenig nötig, um zu helfen: Wählen Sie den Notruf 110. Sagen Sie, was genau passiert und wo es passiert. Legen Sie nicht gleich wieder auf, warten Sie auf eine mögliche Rückfrage der Polizei.
5) Ich kümmere mich um das Opfer: Für die Opfer dauert es eine schiere Ewigkeit, bis Polizei, Feuerwehr oder Rettungsdienst am Tatort sind. Auch wenn Sie sich in Erster Hilfe nicht sicher sind, leisten Sie deshalb wenigstens seelischen Beistand, trösten Sie und fragen, wie Sie das Opfer unterstützen können.
6) Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung: Um Täter zu bestrafen bedarf es Zeugen. Rennen Sie nicht weg, wenn Sie eine Straftat oder ein Unglück beobachtet haben - auch wenn viele andere scheinbar das gleiche gesehen haben. Melden Sie sich bei der Polizei. Und wenn Sie es eilig haben: Hinterlassen Sie wenigsten Ihren Namen und Ihre Telefonnummer. Opfer und Polizei werden es Ihnen danken.
Helfen Sie unbedingt! Auch wenn es Sie Mühe und Überwindung kostet. Es könnte sein, daß auch Sie einmal die Hilfe anderer Menschen benötigen. Auch deshalb gilt in Deutschland: Unterlassene Hilfe ist strafbar!




