Arbeitsstelle Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste

Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 - 2010

“Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen”
Enthüllungen zu Matthäus 5, 39-41 für zwei oder mehrere SprecherInnen  


A  Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt:

B halte ihm auch die linke hin!

A halte ihm auch die linke hin?

B halte ihm auch die linke hin!    

A Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, sondern dem, der gegen dich den Richter anruft und dir dein Untergewand nehmen will:  

B laß ihm auch den Mantel!

A laß ihm auch den Mantel?

B laß ihm auch den Mantel!    

A Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, sondern wenn dich jemand zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen,  

B so geh mit ihm zwei!

A so geh mit ihm zwei?

B so geh mit ihm zwei!  

A Die andere Wange hinhalten? Unrecht erdulden? – Unrecht aushalten und erleiden?

B Oder: auf Rache sinnen, Vergeltung planen - und mit gleicher Münze heimzahlen?    

B: “Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, vergeltet Gewalt nicht mit Gewalt, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt: Halte ihm auch die linke hin!”  

A: Stellen Sie sich vor, Sie versuchen jemanden - Ihnen gegenüber - mit der rechten Hand auf die rechte Wange zu treffen: Sie können ihn nur mit dem Handrücken treffen. Ein Schlag ins Gesicht mit dem Handrücken, das ist bis heute eine Geste der Demütigung und der Verachtung! Die rechtliche Situation zur Zeit Jesu verbot dann auch den Schlag mit dem Handrücken an einem gleichberechtigten Bürger. Erlaubt war nur der Handrückenschlag gegen einen Sklaven, einen Verachteten, einen aus der Gesellschaft ausgestoßenen. Die Absicht beim Handrückenschlag bestand also nicht in erster Linie darin, körperlich zu verletzen. Sondern vielmehr bestand die Absicht darin zu demütigen und einen Unterlegenen an seinen Platz zu verweisen, ihm zu signalisieren: du bist nichts Wert, ich verachte dich. Wenn Jesus einem solchen Menschen rät, die andere Wange hinzuhalten, dann heißt das soviel wie: Schlag nicht zurück!

Aber es heißt noch vielmehr. Es heißt auch: duck dich auch nicht weg! Mach dich nicht klein. Nimm die Demütigung nicht an, sondern stell dich aufrecht hin vor deinen Peiniger, so dass er dir ins Gesicht schauen muß, wenn er ein zweites Mal zuschlagen will. Du hast eine Würde, die dir keiner wegnehmen kann. Auch nicht der, der meint, dich mit einer Ohrfeige demütigen zu dürfen. Wenn er ein zweites Mal zuschlagen will, dann soll er dich auf die linke Wange schlagen. So, wie einen Gleichberechtigten. – Wenn er ein zweites Mal zuschlägt, soll er spüren, dass er deine Würde nicht brechen kann.

B: “Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, vergeltet Gewalt nicht mit Gewalt, sondern dem, der gegen dich den Richter anruft und dir dein Untergewand nehmen will: Laß ihm auch den Mantel!” 

A: Der rechtliche Hintergrund zur Zeit Jesu macht auch hier die Deutung klar: Vor Gericht will hier ein Gläubiger ausstehende Schulden eintreiben. Sein Schuldner besitzt nur noch sein Unterkleid und seinen Mantel. Die Ärmsten der Armen hatten nichts anderes als ihren Mantel, um ihn einem Prozessgegner als Pfand für ihre Schuld zu lassen. Im zweiten Buch Mose heißt es darum: wenn einem Armen sogar der Mantel als letztes Pfand genommen wird, so muss ihm der Mantel am Abend zurückgegeben werden. Sonst hat er ja nichts, mit dem er sich zudecken kann.

“Laß ihm auch den Mantel!” – Stellen wir uns das Ergebnis vor: Da stehen zwei vor Gericht. Der eine hält nun Mantel und Untergewand in den Händen. Der andere steht da: splitternackt. – Er steht da, als wollte er sagen: Jetzt hast du alles, bis auf mein nacktes Leben. Und alle können es sehen! Mit einem Schlag fällt ein Licht auf die herrschenden Verhältnisse, in denen Menschen bis auf die Haut ausgezogen werden.

Und was nicht weniger wichtig ist: Der Gläubiger hat ganz anschaulich vor Augen, welche Auswirkungen sein Handeln hat. Er bekommt die Möglichkeit, über sein Handeln nachzudenken.    

B: “Setzt dem Bösen keine Gewalt entgegen, vergeltet Gewalt nicht mit Gewalt, sondern wenn dich jemand zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, so geh mit ihm zwei!” 

A: Ein römischer Hilfssoldat in Judäa hatte das Recht, von einem Zivilisten zu fordern, dass er ihm sein Gepäck eine Meile weit trägt. Aber der Soldat durfte dieses Privileg nicht überstrapazieren: wer jemanden für mehr als eine Meile in diesen Zwangsdienst presste, konnte Schwierigkeiten mit den Militärgesetzen bekommen.

Über das Angebot einer zweiten Meile wäre der Soldat ganz sicher überrascht. Einer von denjenigen, die ihn doch als Besatzer hassen mussten, bietet ganz unerwartet an, noch eine zweite Meile mit ihm zu gehen.

Er wird nachdenken: Welche Schwierigkeiten könnten ihm daraus entstehen, dass ihm jemand für eine zweite Meile sein Gepäck trägt. Vor die Militärbehörde will er nicht zitiert werden. So muss der Soldat den Träger wiederum bitten, ihm doch schnell sein Gepäck zurückzugeben. Und das Verhältnis zwischen dem, der befiehlt, und dem, der gehorchen muss, kehrt sich auf diese Weise um.  

B: Wege mit Phantasie und ohne Gewalt – das ist es, was Jesus uns hier aufzeigt:
Mich in einer Lage der Unterlegenheit weder selbst aufgeben noch in blinder Wut zurückschlagen.
Ich kann zu meiner Würde zurückfinden und selbst in die Situation eingreifen – überraschend, unerwartet und verblüffend.  

(erarbeitet für die Herbstkonferenz der württembergischen VikarInnen und PfarrerInnen z.A. 2001 von Heike Bosien, Petra Dais, Dorothee Ernst und Esther Manz)