Arbeitsstelle Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste

Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 - 2010

Zweite Andacht 

"Das Hamburger Hungertuch -
Armut und Gewalt in der
Lebenswelt Jugendlicher"


Andachtswoche im Missionsseminar
Hermannsburg 

Dr.Dr.Friedrich Dobberahn

Musik beim Hereinkommen: Cassandra Steen "Solange", evolution Nr. 11

Der Text von "Solange" wird mit einer Folie auf eine Dia-Leinwand projiziert, über dem Altar liegt als Decke das Hamburger Hungertuch, im Lauf der Andacht wird die Folie vom "Hamburger Hungertuch" an die Dia-Leinwand projiziert.

 


 Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Seminargemeinschaft!

"Das geknickte Rohr wird Er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird Er nicht auslöschen. In Treue trägt Er das Recht hinaus." (Jes. 42, 3)

Das Hamburger Hungertuch ist - wie gestern schon gesagt - ein religiöses Tuch. Das geht nicht bloß aus den vielen religiösen Motiven hervor, die in dem Bild stecken, sondern auch aus der auffälligen Art und Weise hervor, wie es gerahmt ist. Ein Rahmen ist immer dazu da, die Blicke der Betrachter zu lenken; er soll den Betrachtern helfen, sich auf das Eigentliche zu konzentrieren. Ein falscher, unpassender Rahmen kann sogar den Effekt eines (an sich guten) Bildes zerstören. Der Rahmen eines Bildes hat also immer auch eine Botschaft, weil er nicht nur die Blicke lenkt, sondern auch die Gedanken auf das Entscheidende hinführt. Wenden wir uns also einmal genauer diesem Rahmen zu! Verschiedene Dinge fallen da auf.

Wenn man genau hinschaut, sieht man z.B., daß sein Farbton golden ist. Trotz allem, was auf diesem Hungertuch an traurigen Zuständen gezeigt wird, ist er golden. Die Jugendlichen Hamburgs, die am Zustandekommen dieses Hungertuchs beteiligt waren, müssen auf diesem Goldrahmen bestanden haben; er scheint ihnen ganz wichtig gewesen zu sein.

Die Linien, die das Hungertuch begrenzen, verlaufen auch nicht nur in geraden Linien. In den vier Ecken und an den Seiten sind sieben Einbuchtungen zu sehen. Dort scheinen sich Teile des Goldrahmens ins Bild, in die Realität hineinzudrängen. Man kann es aber auch umgekehrt sehen: Versucht die Realität das, was in die Einbuchtungen hineingemalt ist, aus der Welt zu schaffen? Vielleicht soll auch Beides gelten.

Schauen wir einmal, was das für Symbole sind, die in diese Einbuchtungen hineingemalt worden sind. Es sind fünf religiöse Symbole; ein weiteres steht für eine Weltanschauung; in der Einbuchtung unten in der Mitte ist ein Platz freigelassen, so als sollten wir selbst ein Symbol erfinden: das Symbol unserer eigenen religiösen oder weltanschaulichen Überzeugung.

Rechts oben z.B. sehen wir das Kreuz Jesu Christi.

Darunter sieht man die Menora - den siebenarmigen Leuchter; dieses Symbol des jüdischen Glaubens erinnert einerseits an die goldenen Leuchter im Tempel des Königs Salomo; andererseits ist die Menora auch ein Symbol für den Lebensbaum und die Vorstellung von Gott als Licht, das
das Leben spendet.

Links oben steht in arabischer Schrift das Wort "Allah", der islamische Gottesname. Dieses Wort symbolisiert für den gläubigen Muslim Gott als den Mittelpunkt seines Glaubens und damit auch seines alltäglichen Lebens.

Links darunter das Zeichen "OM"; dieses Zeichen symbolisiert die hinduistische Religion; das Zeichen "OM" versinnbildlicht das "brahma", den Urgrund des Seins, oder das Weltprinzip. Es zu erkennen und mit ihm eins zu werden, ist das höchste Ziel der Hindus.

Noch weiter darunter sehen wir das Symbol der Buddhisten, das "Rad der Lehre". Dieses "Rad der Lehre" zeigt, wie die Lehre des Buddha den religiösen Antrieb im Inneren von Menschen weckt, durch den sie die Flüchtigkeit des Lebens erkennen und die Weisheit der Erleuchtung sehen sollen.

Das letzte Zeichen, rechts unten, ist das Symbol einer Weltanschauung; es ist der Sowjetstern; er stammt aus der Zeit der Russischen Revolution 1917; für viele Menschen symbolisiert dieser Stern bis heute die Hoffnung der Ausgebeuteten und Unterdrückten im Kampf um Gerech-tigkeit und Befreiung.

Unten, in der Mitte des Rahmens, ist - wie gesagt - noch ein Platz freigelassen. Dort könnte jede(r) von uns seinen persönlichen Glauben hineinzeichnen, seinen religiösen Fingerabdruck odere das, was hinterlassen; dort könnte aber auch jede weitere Religion oder Weltanschauung mit ihrem Symbol Platz finden. Auch könnte dort eine Stelle frei bleiben, um einen unbestimmten Raum zu bilden, ein Freiraum für unsere Suche ...

"Das geknickte Rohr wird Er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird Er nicht auslöschen. In Treue trägt Er das Recht hinaus." (Jes. 42, 3)

Der von einem Goldton getragene und mit religiösen und weltanschaulichen Symbolen ausge- schmückte Bildrahmen soll damit auch ungefähr das ausdrücken, was Cassandra Steen in ihrem song "Solange" sagen will. Wir haben den song "Solange" vor Beginn der Andacht als Einstimmungsmusik gehört. Den Text dazu hat jeder / jede in die Hand bekommen. Ich meine: In beidem drückt sich doch ein Bekenntnis heutiger Jugendlicher aus: "Es gibt so etwas wie einen Rahmen, der unserem Leben in seiner Armut und Ungerechtigkeit, in seiner vielfältigen Gefährdung und Bedrohung Halt gibt." Dieser Halt wird von der Flut der Realität zwar an den Rand gedrängt, aber er läßt sich dennoch nicht aus unserer Welt hinausdrängen; vielmehr drängt er sich selbst immer wieder in unsere Wirklichkeit hinein. Er bildet immer wieder Einbuchtungen, Inseln in ihr und manifestiert die Kraft des Glaubens unübersehbar inmitten unserer Alltagswirklichkeit - so wie es das goldgerahmte Bild von einer schwarzen und einer weißen Hand in der Mitte oben tut, die ihr Brot miteinander teilen ...

"Solang' die Welt sich dreht,
solange ich hier bin, - solange,
solange, wie ich leb',
solang' gibst Du mir Sinn, - solange.
Solang' ich denken kann,
ist solang', wie Du bist, - solange.
Solange glaub' ich dran,
solange bis ins Nichts, - solange.

(.....)

Solang' ich in Dir bin,
solang' ich an Dich glaub', - solange,
solange bin ich Kind,
nicht Asche und nicht Staub, - solange."

Amen.

Lied: Ev. Gesangbuch 620 ("Freunde, daß der Mandelzweig ...")

 


 

      Gebet


         Herr, unser Gott, Du Schöpfer des Lebens, 
         wir danken Dir, daß Du das Leben, das kommt und geht, 
         prägst durch Deine Spuren.

         Du scheust Dich nicht, unter uns zu sein,
         hier, wo oftmals Deine Nähe sich verbirgt,
         und Dein Licht sich verdunkelt.      

Du hältst uns die Treue, 
wenn wir versagen und verzagen an der Welt.

Herr, unser Gott, wehre ab, was auf uns einstürmt.
Trage die Müden, führe die Zweifler, ermutige die Zögernden,
mache es hell um die Ängstlichen.

Zeigen denen, die sich verloren haben, ein Ziel.
Sage denen, die schuldig wurden, ein gutes Wort.
Den Sterbenden reiche Deine Hand.
Herr, unser Gott, nimm uns dafür in Deinen Dienst,
damit auch durch uns Dein Reich komme. 

Amen.

zur 3. Andacht