Arbeitsstelle Friedensarbeit im Haus kirchlicher Dienste

Ökumenische Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001 - 2010

"Das Hamburger Hungertuch
- Armut und Gewalt in der Lebenswelt Jugendlicher"


Andachtswoche im Missionsseminar Hermannsburg von Dr.Dr.Friedrich Dobberahn


Erste Andacht

"Das geknickte Rohr wird Er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird Er nicht auslöschen. In Treue trägt Er das Recht hinaus."
(Jes. 42, 3)

Musik beim Hereinkommen: Xavier Naidoo
"Stählernes Labyrinth", evolution Nr. 9

Der Text von "Stählernes Labyrinth" wird mit einer Folie auf eine Dia-Leinwand projiziert), über dem Altar liegt als Decke das Hamburger Hungertuch, im Lauf der Andacht wird die Folie vom "Hamburger Hungertuch" an die Dia-Leinwand projiziert.

Liebe Schwestern, liebe Brüder, liebe Seminargemeinschaft!
Die Musik, die wir eben vor der Andacht zur Einstimmung gehört haben, war sicher etwas ungewöhnlich. Aber das hängt mit dem Thema der Andachten dieser Woche zusammen. In den Ferien habe ich durch meine Kinder (vier Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren) einige Musiktitel aus dem CD-Album von Xavier Naidoo u. a. kennengelernt: Musiktitel aus der religiösen Jugendszene, in der akute Probleme unserer Gesellschaft intensiv religiös bearbeitet werden. Dasselbe geschieht auch auf dem "Hamburger Hungertuch", das hier vorne auf dem Altar liegt. Die Bilder des Hamburger Hungertuches wurden 1997-1998 von einem Hamburger Künstler (von Sönke Nissen-Knaack) in Zusammenarbeit mit der Klasse 10b der Haupt- und Realschule Holstenhof in Hamburg erstellt. Das Thema der Andachten dieser Woche sollen die Bilder dieses Hamburger Hungertuches sein.

Doch zunächst: Was ist ein "Hungertuch"?
In der Kirche ein "Hungertuch" aufzuhängen, das geht schon auf einen mittelalterlichen Brauch zurück. In der Fastenzeit verhüllte man die in der Kirche stehenden Kreuze mit den sog. "Hungertüchern"; sie waren bemalt mit Darstellungen der Passion Christi. In der Fastenzeit sollte so, auf diese Weise, der Weg Christi ans Kreuz, Sein Leiden und Sterben besonders drastisch herausgestellt werden. 1976 hat dann die katholische Organisation "Misereor" diesen mittelalterlichen Brauch wieder aufgegriffen und ein modernes Hungertuch malen lassen - das "Äthiopientuch" (es hängt bei uns im Unterrichtsgebäude). Ihren besonderen Akzent erhalten die Misereor-Hungertücher dadurch, daß sie das Leiden und Sterben Christi von den verschiedenen Kulturkreisen der sog. Dritten Welt her erschließen und auslegen. Seit 1976 sind alle zwei Jahre solche Hungertücher erschienen: neben Äthiopien auch aus Indien, aus Haiti, Peru, Brasilien, aus Kamerun, Südafrika, etc.

Auf allen diesen modernen Hungertüchern werden die ungeschönten zeitgenössischen Bilder von Leid und Tod, von Armut, Ausbeutung und Unterdrückung, aber auch von Verheißung, Hoffnung und Befreiung gezeigt und mit Geschichten und Bildern vor allem aus dem Neuen Testament verwoben. Der Stoff des gegenwärtigen Lebens gibt so den Stoff ab für das Bild vom verkündigenden, leidenden, sterbenden und auferstehenden Christus. Christi Verkündi-gung, Sein Leiden, Sterben und Auferstehen wird in unsere Zeit und unsere Welt hineingeholt; das Leben Jesu ist auf diese Weise kein bloß vergangenes Ereignis, sondern auch ein konti-nuierlich gegenwärtiges. Die modernen Hungertücher predigen uns, daß Christus selbst der auch heute noch unterdrückte, ausgegrenzte, bedrängte, kranke und entrechtete Mensch ist. Aber das ist noch nicht alles: Wie alle diese modernen Hungertücher zeigen, wird Christus zugleich auch als der Auferstandene dargestellt: Er ist der, den Gott - aufgrund der zu Ostern geschehenen Auferstehung - wieder in seine Rechte eingesetzt, den Er erlöst und wieder auferweckt hat. Die modernen Hungertücher aus der sog. Dritten Welt sind damit nicht nur von der gegenwärtigen Passionsgeschichte, sondern auch vom Osterglauben geprägt. Die Hoffnung auf Befreiung soll gestärkt werden; die Leidenden sollen mit dem Hinweis auf den Auferstandenen belebt und widerstandsfähig gemacht werden. Genau diese moderne, vom Mittelalter her abgeleitete Tradition hat nun auch das Hamburger Hungertuch aufgegriffen.

Lassen wir dieses Hungertuch zuerst einmal insgesamt auf uns wirken! Dieses Hungertuch malt ein ganz anderes Bild, als wie wir es von Hamburg als Weltstadt erwarten: keine eleganten Auslagen in stilvoll gestalteten Schaufenstern, keine künstlich erleuchtete Einkaufswelt unter gläsernem Himmel, auf marmornem Boden mit viel Glas und Metall. Nichts davon, was der ehemalige Erste Bürgermeister Hamburgs, Henning Voscherau, Anfang der 90er Jahre "Boomtown" nannte. Auf dem Hamburger Hungertuch sehen wir eher die Schattenseiten - das, was Xavier Naidoo "Stählernes Labyrinth" nennt, "Dschungel aus Beton" und "Babylon, die Große"; hier wird nicht die Welt der "winner" gezeigt, die alles haben, sondern die Straßen, die "gefüllt (sind) von Armut, Neid und Gewalt, doch die meisten läßt es kalt."
In den Winkeln von "Boomtown", von "Babylon, der Großen": "boomt" die Welt der "loser"! Dreckige Schlafsäcke liegen in den Ecken der Arkaden, abgerissene Gestalten sitzen da mit Bierdosen in der Hand, man begegnet von Drogen gezeichneten Gesichter, es stinkt nach Urin, Dreck und Abfall; dazwischen die ausgestreckten Hände von jugendlichen, arbeitslosen Bettlern: "Haste mal 'ne Mark?" In manchen Regionen Hamburgs lebt jeder dritte Jugendliche in einem Sozialhilfe-Haushalt. Nach einer amtlichen Statistik kommen in Hamburg-Mitte sogar 51% der Jugendlichen aus sozialhilfeabhängigen Haushalten.
"Manche schreien vor Schmerz und manche beten für einen besseren Tag, der noch kommen mag."
Von dieser Welt der "loser" erzählt das Hamburger Hungertuch. Aber - wie wir ab morgen sehen werden - "erzählt" es nicht nur einfach. Die Jugendlichen der Klasse 10b der Haupt- und Realschule Holstenhof in Hamburg haben darüberhinaus auch versucht, auf diese Situation jugendlicher "loser" religiös zu reagieren. Wir werden ab morgen sehen, wie sie das gemacht haben!
Amen.
Lied:   Ev.Gesangbuch 604 ("Wo ein Mensch Vertrauen gibt ...")

       Gebet
         Herr, unser Gott,
         Du bist in unsere Welt gekommen, um uns zu suchen,
         daß Menschen an Leib und Seele wieder aufatmen und leben.
         Wir beten für sie und uns,
         daß wir Dich nicht an uns allen vorübergehen lassen.
         Wir beten für alle, die die Zukunft fürchten, daß sie vertrauen,
         für alle, die gescheitert sind, daß sie neu beginnen,
         für die, die zweifeln, daß sie nicht verzweifeln,
         für die, die sich verloren fühlen, daß sie ein Zuhause finden.
         
Wir beten für alle, die hungern, daß sie gesättigt werden, 
für die, die satt sind, daß sie mit vollen Händen geben. 
W
ir beten auch für die, die es gut haben, daß sie nicht undankbar werden,
für die Mächtigen, daß sie begreifen, wie verletzlich sie sind.
Wir beten für alle, die in dieser Welt zwischen Hoffnung und Furcht leben,
daß sie von Deiner Gewißheit durchströmt werden.
Amen.

zur 2. Andacht