Interreligiöse Betrachtung zum "Hamburger Hungertuch - Armut und Gewalt in der Lebenswelt Jugendlicher"
Hamburger Jugendliche haben sich Gedanken über die Stadt gemacht, in der sie leben und haben dieses Tuch gemalt.
Hamburg - welches Bild haben wir von dieser Stadt?
Weltstadt, Hafenstadt, "Boomtown", elegante Einkaufsstrassen, offen gezeigter Reichtum...
Und was erzählt uns dieses Bild?
Es führt uns in das Hamburg der "looser". Hier boomt das Elend, die Armut:
Dreckige Schlafsäcke liegen in den Hauseingängen, abgerissene Gestalten sitzen da mit Bierdosen in der Hand, man begegnet von Drogen gezeichneten Gesichtern, es stinkt nach Urin, Dreck und Abfall. Zwischen all dem sieht man jugendliche, arbeitslose Bettlern.
Auch das ist Hamburg: In manchen Stadtteilen lebt jeder dritte Jugendliche in einem Sozialhilfe-Haushalt.
Lassen wir das Bild zuerst einmal insgesamt auf uns wirken!
Längere Pause
Wir wollen uns nun einzelne Teile genauer ansehen.
Das Hamburger Tuch ist ein religiöses Tuch. Das merkt man nicht nur an den vielen religiösen Motiven, die in dem Bild stecken, sondern auch an der auffälligen Art und Weise wie es gerahmt ist.
Ein Rahmen ist immer dazu da, die Blicke der Betrachter zu lenken; er soll den Betrachtern helfen, sich auf das Eigentliche zu konzentrieren. Der Rahmen eines Bildes hat also immer auch eine Botschaft, weil er nicht nur die Blicke lenkt, sondern auch die Gedanken auf das Entscheidende hinführt.
Schauen wir also einmal genauer diesen Rahmen an. Verschiedenes fällt auf:
Wenn man genau hinsieht, merkt man z.B., dass sein Farbton golden ist.
Trotz allem, was auf diesem Tuch an traurigen Zuständen gezeigt wird, ist er golden. Die Hamburger Jugendlichen, die dieses Tuch gemalt haben, haben auf diesem Goldrahmen bestanden: er war ihnen wichtig.
In diesem Rahmen finden sich verschiedene Symbole, die in Einbuchtungen hinein gemalt worden sind. Es sind fünf religiöse Symbole:
Rechts oben sehen wir das Kreuz, das Symbol des christlichen Glaubens.
Darunter sieht man die Menora, den siebenarmigen Leuchter, Symbol des jüdischen Glaubens.
Links oben steht in arabischer Schrift das Wort "Allah", der islamische Gottesname.
Links darunter das Zeichen "OM", es symbolisiert die hinduistische Religion.
Links unten sehen wir das Symbol der Buddhisten, das "Rad der Lehre".
Und das letzte Zeichen, rechts unten, ist das Symbol einer Weltanschauung: der Sowjetstern.
Unten in der Mitte des Rahmens ist noch ein Platz frei gelassen. Dort könnte jeder das Symbol seines persönlichen Glaubens hineinzeichnen.
Es gibt so etwas wie einen Rahmen, der unserem Leben in seiner Armut und Ungerechtigkeit, mit seinen Gefahren und Bedrohungen einen Halt gibt.
Dieser Halt wird zwar von dem vielen, was unser Leben im Alltag schwer macht, an den Rand gedrängt, aber er läßt sich dennoch nicht aus unserer Welt heraushalten. Er drängt sich selbst immer wieder in unsere Wirklichkeit hinein. Er bildet immer wieder Einbuchtungen, Inseln in unserem Leben und zeigt die Kraft des Glaubens inmitten unseres Alltags, so wie es das golden gerahmte Bild von einer schwarzen und einer weißen Hand in der Mitte oben tut, die ihr Brot miteinander teilen.
Pause
Schauen wir vom Rahmen des Bildes, auf das, was die Mitte des Bildes einnimmt:
Ganz in der Mitte sehe ich einen Jugendlichen, der das Opfer von Gewalt und Misshandlung wird: Zwei Jugendliche überfallen einen dritten, sie reißen ihm seinen Pullover vom Leib. Zwei Passanten gehen daran ungerührt vorbei.
Aber es geht in dem Bild noch um mehr als nur den Verlust von Kleidung oder anderen Dingen: Offensichtlich besteht das zentrale Thema des Tuchs doch darin, dass dem Menschen mit Gewalt auch noch das Letzte, was er an Wert besitzt und worauf er noch stolz sein kann, genommen wird. Der schlimmste Verlust, über den hier die Jugendlichen klagen, ist der Verlust von Würde und Selbstachtung.
Das Thema der Gewalt beherrscht überhaupt das gesamte Bild:
Wie kommt es z.B., dass rechts ein Auto in eine Gruppe spielender Kinder hinein fährt?
Pause
Wieso werden gerade Schwarze im Stadtpark nach ihrem Ausweis gefragt?
Pause
Links oben entdeckt man ein historisches Foto: Es zeigt die jüdische Synagoge Hamburgs, die während des Nazi-Terrors am 12. November 1938 niedergebrannt wurde.
Pause
Gewalt in Form von Raub, Überfall, Misshandlung, aber auch Gewalt in Form von Strukturen prägt das Bild. Es geht auch um Gewalt durch Hierarchie, Gesetze, das Verhältnis zwischen Männer und Frauen oder von Bürgern und Flüchtlingen.
Rechts oben im Bild:
Ein Mann sitzt einsam und allein vor seinem Fernsehgerät. Auf dem einem D-2-Handy erscheint der Satz: "Ich bin allein."
Pause
Hier will uns das Tuch sagen: Wenn die menschlichen Bindungen zerbrechen, ist der Sinn, die Begeisterung heraus aus dem Leben, dann sitzt du so einsam auf einer Treppe wie das Mädchen rechts unten auf unserem Bild,
Pause
beziehungssüchtig, liebeshungrig.
Jeder Mensch braucht Sinn und Liebe - auch körperlich - und nicht nur in ein paar freundlichen Worten. Jeder Mensch braucht das Gefühl, irgendwo zu Hause sein zu können, dazuzugehören, geschätzt und geachtet zu sein. Und jeder Mensch leidet darunter, wenn er solche Orte und solche Menschen nicht finden kann.
Wo findet man z.B. als Jugendlicher, wenn man aus der Welt der "looser" kommt, noch eine Lehrstelle, eine Arbeit, eine bezahlbare Wohnung, vernünftige Freizeiteinrichtungen und Menschen, die einen bestärken?
Auch Heimatlosigkeit und Vertreibung werden auf diesem Tuch dargestellt.
Aber nicht nur Leiden und Sterben, Sinnsuche und Gewalt prägen das Bild. Sondern auch Hoffnung, Widerstand und Aufstand. Es gibt auch Bilder von starker Hoffnung gegen den Verlust von Sinn im Leben.
Am mittleren oberen Bildrand brechen einen schwarze und eine weiße Hand miteinander das Brot. Über alle Unterschiedlichkeit hinweg teilen sie miteinander. Darunter ein weißes Tuch mit bunten Sitzkissen, das zu Gemeinschaft und Freundschaft einlädt.
Links daneben ein Mädchen und ein Junge, die sich eine Tüte Popcorn teilen. Darunter eine Gruppe Menschen aus verschiedenen Ländern und ganz verschiedenen Alters. Menschen, die gemeinsam demonstrieren, die gemeinsam sich für ihre Rechte einsetzen.
An einem Kirchengebäude hängt das Plakat: "Asyl". Ein Raum für Menschen, die sonst kein Recht mehr haben, um hier zu bleiben. Die Flüchtlinge sind und Schutz suchen.
Links von der Demonstrantengruppe schreibt jemand auf eine Wand den Satz: "Kein Mensch ist illegal". Daneben steht das Wort "Zakat", das arabische Wort für Gerechtigkeit.
Pause
Hier verwirklicht sich etwas von diesem goldenen Rahmen, von dem Einbruch des Glaubens in unseren Alltag, wo etwas Göttliches hineinkommt in unsere Welt und uns nicht allein lässt.
Dieser Glaube kann uns helfen, aus unserer Rolle herauszukommen, unser Leben in die Hand zu nehmen und selber zu gestalten, zu verändern, was zu verändern ist.
Dieser Glaube gibt uns Hoffnung und Mut dazu.



